Warum mehr Planung nötig ist als gedacht

Vielleicht klingt das banal: Einfach Laptop hochfahren, WLAN aktivieren und los geht´s. Doch genau hier beginnt der Trugschluss. Studien zeigen, dass dezentrale Arbeit zwar produktiv sein kann, aber ohne klare Struktur drohen Kommunikationsverluste und Isolation. 

Forschungen der MIT Sloan Review benennt drei Gefahren: „low-bandwidth communication, unnecessary meetings, and loss of passive knowledge sharing“ (sloanreview.mit.edu) – sprich: Sommersprossen-Effekte, wenn wir uns nur auf Chats und Strategie-Calls verlassen. Wer Vision bauen will, braucht mehr als Screenshots und Threads. Das geht zum Beispiel so:

Ein Team bei einem Mittelständler beginnt seinen Tag mit einem 5-Minuten-Video-Check-in, in dem jede:r sagt, was sie:er gestern erreicht hat und was heute ansteht. Kein automatisierter Bot, sondern echte Menschen – kurze Momente, die Verbindlichkeit erzeugen und Entscheidungen agil machen.

Nähe entsteht durch (digitale) Rituale

In einem Büro entstehen Begegnungen automatisch – am Kaffeeautomaten, auf dem Flur oder im Aufzug. Wer dezentral arbeitet, muss Begegnung bewusst planen. Laut einer aktuellen Studie der University of East London steigert "body doubling" (das gemeinsame Arbeiten per Video) die Konzentration erheblich (thetimes.co.uk). Mitarbeitende berichten, sie fühlen sich weniger einsam. Sie bleiben fokussiert, weil sie wissen: da ist jemand, der mit ihnen arbeitet.

In der Praxis könnte das so aussehen: Zwei Gründerinnen starten jeden Morgen gemeinsam per Video. Kein typisches Business-Meeting, sie öffnen einfach nur die Kamera, sprechen kurz miteinander und legen los. 45 Minuten später ist die Fokusphase beendet. Beide waren produktiv. Diese Methode senkt das Risiko der Prokrastination, man unterstützt einander, beide haben das gleiche Ziel: morgens in der ersten Dreiviertelstunde das Wichtigste des Tages anzugehen.

Führung neu denken ohne Präsenzpflicht

Früher galt: Wer im Büro ist, zeigt Präsenz. Im dezentralen Arbeiten zählt das Ergebnis mehr als die Sichtbarkeit. Eine aktuelle Studie von Time & George Washington University zeigt: Remote ersetzt Präsenz und steigert Effizienz um 12 %, wenn Aufgaben klar zugeteilt sind (arxiv.org).

Praxisbeispiel: Eine Agentur ersetzt wöchentliche Meetings durch transparente Aufgabenboards (z. B. Jira oder Trello) und monatliche Dialog-Calls à 15 Minuten ohne Agenda. Thema ist, wie es jedem Teammitglied wirklich geht. Das stärkt Vertrauen. Führung wird wieder menschlich.

Verantwortung braucht Grenzen und klare Regeln

Freiheit hört sich toll an – doch ohne Begrenzung wird sie zur Falle. Studien zeigen: hybrides Arbeiten spart Zeit (um ca. 56 Minuten pro Tag laut ONS), spart Geld – aber gefährdet die Trennung von Beruf und Privat (en.wikipedia.org). Wer dezentral arbeitet, braucht klare Zugangszeiten, Fokusblöcke und vor allem Abschalt-Rituale.

Eine Möglichkeit wäre zum Beispiel, einen Fokustag einzuführen. Beispielsweise bedeutet dies, dass am Fokustag keine Meetings angesetzt und E-Mail-Pings ausgeschaltet werden.  An diesem Tag ist einfach nur Durcharbeiten angesagt. Nur Schreiben, Entwickeln, Denken und aufgelaufene Aufgabenstapel abarbeiten. 

Technische Praxis: Wie Tools wirklich helfen (und wann nicht)

Viele Unternehmen setzen heute auf digitale Tools, um ihre Zusammenarbeit zu organisieren – besonders, wenn Teams verteilt oder hybrid arbeiten. Doch was oft übersehen wird: Ein Tool ist kein Selbstläufer. Es bringt nur dann echten Nutzen, wenn es richtig in klare Prozesse, transparente Rollen und einen gemeinsamen Arbeitsrhythmus eingebettet ist. 

Der Fehler passiert meist am Anfang: Man installiert ein Projektboard, schickt einen Link ins Team und hofft, dass es sich „schon einspielen“ wird. Doch ohne klare Regeln, wer wofür verantwortlich ist, wer worüber informiert wird und wie Entscheidungen getroffen werden, bleibt das Tool eine schöne Oberfläche ohne Wirkung. Statt Klarheit entsteht Unsicherheit. Aufgaben bleiben liegen. Absprachen versanden. Was es braucht, ist digitale Struktur und das so konsequent wie ein gutes Meeting oder eine saubere Projektplanung.

Was sinnvoll ist und wie du es einsetzen kannst:

  • Projektboards (z. B. Trello, Jira, Asana)
    Diese Tools helfen dabei, Aufgaben sichtbar zu machen: Wer arbeitet woran? Bis wann soll es fertig sein? Was ist blockiert? Wichtig ist, dass alle im Team regelmäßig reinschauen – und nicht parallel irgendwo anders planen. Ohne einheitliches System entsteht Chaos.
     
  • Videoformate mit klarer Intention
    Tägliche Kurz-Calls („Daily Check-ins“) können helfen, den Tag zu strukturieren. Manche Teams nutzen auch sogenannte „Body-Doubling“-Sessions: Zwei oder mehr Personen arbeiten gleichzeitig im Video, reden aber kaum. Es geht nur um das Gefühl, gemeinsam im Raum zu sein. Das stärkt Fokus und Verbindlichkeit, gerade in Phasen mit viel Eigenarbeit.
     
  • Transparenz durch geteilte Dokumente (z. B. Google Docs, Miro, Notion)
    Was früher an Whiteboards im Büro hing, braucht heute einen digitalen Zwilling. Gemeinsame Arbeitsflächen machen sichtbar, wie Entscheidungen entstehen, was bereits erledigt ist und was noch in der Diskussion steckt. Das schützt ein Stück weit vor Wissensverlust und verhindert zudem Missverständnisse.

Ein konkretes Beispiel aus der Praxis

Ein wachsendes Team einer Digitalagentur hatte mit dem Problem zu kämpfen, dass Aufgaben immer wieder doppelt gemacht oder vergessen wurden. Seit der Einführung von Asana (für Aufgabenplanung) und Miro (für Ideensammlungen und Brainstorming) hat sich das geändert. Wichtige Fragen sind nun fest im Arbeitsalltag verankert:

  • Wer braucht bei dieser Aufgabe Input?
     
  • Was blockiert gerade den nächsten Schritt?
     
  • Wer ist zwar beteiligt, aber nicht ausreichend eingebunden?

Alle zwei Wochen schaut das Team gemeinsam ins Board. Dabei geht es darum, Aufgaben zu verteilen und zu reflektieren, wie die Zusammenarbeit funktioniert. Wenn jemand wiederholt fehlt, wird nicht sofort kritisiert, sondern nachgefragt: Woran liegt’s? Wie können wir es besser machen? Das ist simpel und wirkungsvoll zugleich, weil es nicht beim Tool bleibt, sondern weil es mit Leben und echten Menschen und Begegnungen gefüllt wird.

Warum dezentrales Arbeiten nicht für jede:n geeignet ist

So überzeugend die Vorteile dezentraler Arbeit auch sind: Sie ist kein Allheilmittel. Und sie ist schon gar nicht für jede Person und jede Aufgabe automatisch die beste Lösung. Das ist ein Satz, den man gerade in Zeiten flexibler Arbeitsmodelle wieder häufiger aussprechen sollte.

Denn was oft vergessen wird: Nicht nur Menschen unterscheiden sich in ihren Bedürfnissen, sondern auch Tätigkeiten folgen ganz eigenen Rhythmen und Anforderungen. Kreative Ideenprozesse etwa profitieren oft von spontanen Begegnungen, vom schnellen Skizzieren am Whiteboard, vom zufälligen „Hast-du-mal-eine-Sekunde?“-Moment zwischen Tür und Angel. Diese Impulse lassen sich digital nur bedingt ersetzen.

Eine großangelegte Untersuchung der Harvard Business School mit mehr als 60.000 Microsoft-Mitarbeitenden zeigte: Zwar sank die Zahl der formellen Meetings während der Remote-Phase leicht, gleichzeitig nahm aber die Zahl der asynchronen Kommunikation stark zu. Das Ergebnis war , dass Teams weniger funktionsübergreifend arbeiteten und das kreative Potenzial durch „Silodenken“ eingeschränkt wurde (hier geht´s zur Studie). Auch andere Untersuchungen weisen darauf hin, dass gerade bei komplexen Abstimmungsprozessen oder nonverbalen Gruppenmechanismen physische Nähe ein bedeutender Erfolgsfaktor bleibt.

Gleichzeitig spielt der Persönlichkeitstyp eine Rolle. Introvertierte, strukturierte Menschen mit hoher Selbststeuerung kommen in einem Remote-Setting oft sehr gut zurecht. Andere, die Energie aus Gruppendynamik schöpfen oder stark von physischer Präsenz profitieren, laufen Gefahr, sich im Homeoffice innerlich abzukoppeln. Dies gilt auch dann, wenn sie technisch bestens ausgestattet sind.

Ein Beispiel aus der Praxis:

Ein Architekturbüro mit rund 30 Mitarbeitenden hat die eigene Arbeitskultur über ein halbes Jahr beobachtet. Ergebnis: Besonders die frühen Entwurfsphasen litten unter rein digitaler Zusammenarbeit – viele Ideen blieben ungesagt, viele Missverständnisse wurden zu spät entdeckt. Als Reaktion entschied sich das Büro für einen hybriden Ansatz: Dienstags und donnerstags finden alle Kreativ- und Konzeptbesprechungen vor Ort statt. An den anderen Tagen arbeitet das Team dezentral – mit festen Rückmeldezeiten und geteilten digitalen Whiteboards. Die Zufriedenheit stieg deutlich. Und das kreative Niveau auch.

Flexibilität funktioniert dann am besten, wenn sie auf Beobachtung und Reflexion beruht. Wer dezentrales Arbeiten einführt, sollte sich ehrlich fragen: Welche Aufgaben lassen sich ortsunabhängig wirklich gut erledigen und wo geht unterwegs etwas verloren, das man nicht ersetzen kann? Nur dann wird Flexibilität zur echten Stärke.

Fazit: Dezentrale Arbeit ist Kultur und Haltung

Wer glaubt, dass dezentrale Arbeit nur einen Laptop und WLAN braucht, irrt. Es ist eine kulturelle Aufgabe: Vertrauen schaffen, Nähe zulassen, Grenzen der Freiheit definieren. Technologien sind nur Werkzeuge. Der Faktor, auf den es ankommt, sind Menschen und ihre Beziehungen.

Die nächsten Jahre werden zeigen, welche Teams wirklich bereit sind, Verantwortung neu zu denken. Wer dabei nur auf Tools setzt, wird scheitern. Wer auf Haltung setzt, hat eine Chance. Dezentrales Arbeiten ist gestaltbar, doch dazu müssen wir aus unserer Komfortzone herauskommen. Und vielleicht liegt genau hier die größte Stärke: Es zwingt uns, uns selbst und unsere Zusammenarbeit bewusster zu entwickeln, als wir es je im Büroalltag getan haben.

 

 

Dieser Text entstand inspiriert aus Recherchen, Fallbeispielen und Studien mit Unterstützung der KI. Inhalt, Feinschliff und Ton lagen in der Verantwortung der Autorin. 

 

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