Vielfalt gründen: Warum unternehmerisches Denken mit Migration oft zusammengehört
Der Anteil von Gründer:innen mit Migrationsgeschichte liegt in Deutschland seit Jahren deutlich über dem Anteil an der Gesamtbevölkerung. Laut KfW würden 38 % der Migrantinnen eine Selbstständigkeit einer Anstellung vorziehen. Zum Vergleich: in der Gesamtbevölkerung sind es nur 29 %. Es ist also kein Zufall, dass viele Menschen mit Einwanderungserfahrung den Schritt in die Selbstständigkeit gehen. Vieles spricht dafür: eine andere Risikowahrnehmung, unternehmerische Vorbilder im familiären Umfeld oder auch schlicht die Tatsache, dass der Arbeitsmarkt ihnen den Einstieg erschwert.
Was auf den ersten Blick wie ein Nachteil aussieht, wird bei genauerem Hinsehen zur Stärke. Denn unternehmerisches Denken ist oft genau dann gefragt, wenn Regeln, Systeme oder Förderungen nicht greifen. Wenn Bewerbungen ins Leere laufen oder berufliche Abschlüsse nicht anerkannt werden, entsteht ein Raum, in dem neue Wege ausprobiert werden. Der eigene Laden, der digitale Service, die Umzugsfirma– vieles davon beginnt aus einer Notwendigkeit heraus, entfaltet dann aber wirtschaftliche Dynamik, Beschäftigungseffekte und Innovationskraft.
Mehrsprachigkeit als Qualitätsmerkmal herausstellen
Menschen mit mehreren Sprachen haben einen starken Vorteil. Wer sich zwischen verschiedenen Kulturen und Sprachen selbstverständlich bewegt, hat oft einen besseren Zugang zu internationalen Kund:innen, versteht schneller die Zwischentöne und erkennt Marktlücken, die anderen verborgen bleiben. Viele migrantisch gegründete Unternehmen orientieren sich deshalb international. Die eigene Herkunft wird umgewandelt, von der Barriere zur Brücke für die Kulturen.
Gleichzeitig bleibt die deutsche Sprache ein entscheidender Faktor. Dies gitl nicht zuletzt im Umgang mit Behörden oder beim Aufbau lokaler Netzwerke. Hier braucht es beides: den Mut, das eigene kulturelle Kapital zu nutzen, und die Bereitschaft, die deutsche Sprache zu erlernen. Programme wie „Deutsch für Gründer:innen“ oder mehrsprachige Businessplan-Workbooks unterstützen genau an dieser Schnittstelle.
Diversitätsvorteile: Mit anderen Perspektiven wirtschaftlich vorankommen
Was bringt Vielfalt im Business wirklich? Eine Menge. Unterschiedliche kulturelle Prägungen führen zu anderen Ideen, anderen Problemlösungen, anderen Zielgruppen. Wer mit einem anderen Blick auf Produkte, Dienstleistungen oder Kommunikation schaut, erkennt oft Chancen, die in homogenen Teams übersehen werden. Dazu kommt: Viele migrantische Gründer:innen haben eine hohe Wachstumsambition. Sie wollen nicht nur selbstständig sein, sondern etwas aufbauen, wachsen und dadurch Arbeitsplätze schaffen.
Diese unternehmerische Haltung hat oft mit Prägung zu tun. Wer mit dem Beispiel einer Tante aufgewachsen ist, die ein eigenes Geschäft führt, sieht Selbstständigkeit nicht als exotischen Sonderweg, sondern als reale Option. Genau diese Haltung braucht es in vielen Branchen. Diversität ist sozial und wirtschaftlich relevant.
Wenn Gründen zur Strategie wird, um Systeme zu umgehen
Für viele mit Migrationsgeschichte ist Gründung kein romantisches Projekt. Es ist die Antwort auf die Erfahrung, dass der klassische Weg nicht funktioniert. Arbeitslosigkeit, nicht anerkannte Abschlüsse, Diskriminierung im Bewerbungsverfahren. All das führt dazu, dass Menschen anfangen, sich selbst zu beschäftigen. Der Kiosk, das Catering, der Transportservice. Oft pragmatisch, oft mit wenig Startkapital, aber mit einer hohen Motivation, die eigene Lebensrealität zu verbessern.
Selbstständigkeit wird so zur Form der Selbstermächtigung. Man entscheidet selbst, wie und mit wem man arbeitet. Man setzt auf die eigene Kraft, statt auf das Wohlwollen von Institutionen. Das kann entlasten und trägt oft zur Integration bei. Denn migrantische Unternehmen stellen überdurchschnittlich häufig selbst wieder Menschen mit Migrationsgeschichte ein. Aus der Einzelentscheidung wird eine Bewegung.
Finanzierung ohne Sicherheiten: Wenn klassische Wege nicht offenstehen
Wenn es ums Kapital geht, sind die strukturellen Hürden für Menschen mit Migrationshintergrund hoch: befristete Aufenthaltsgenehmigungen, fehlende Sicherheiten, keine Kreditwürdigkeit im klassischen Sinne. Viele migrantische Gründer:innen greifen daher zu alternativen Finanzierungswegen. Dazu gehören zum Beispiel Unterstützung aus der eigenen Community oder Crowdfunding über digitale Plattformen.
Nicht selten hilft das Netzwerk weiter, wenn die Bank abwinkt. Und viele Programme haben genau das erkannt. Sie unterstützen unbürokratisch und gezielt mit kleinen Summen, Beratung und Mentoring. Allerdings scheitert es oft daran, dass die Angebote nicht bekannt sind. Viel Potenzial geht verloren, weil Informationen zu wenig zugänglich oder nicht in der jeweiligen Muttersprache verfügbar sind.
Plattformen und Mentoring: Warum niemand allein gründen muss
Die gute Nachricht: Es gibt zahlreiche Netzwerke, Programme und Beratungsstellen, die migrantisches Unternehmertum in Deutschland unterstützen. Von der Berliner Initiative ISI bis hin zu Vision Lab, überall entstehen Orte, an denen Gründer:innen mit Migrationsgeschichte ihr Wissen vertiefen, Kontakte knüpfen und finanzielle Anschubhilfe erhalten.
Besonders hilfreich sind dabei Mentoring-Programme: Wenn jemand, der selbst durch denselben Behördendschungel gegangen ist, Orientierung gibt, spart das Zeit, Nerven und verhindert Fehler. In vielen Städten gibt es zudem migrantische Unternehmer:innenverbände, die Erfahrungen bündeln und politisch sichtbar machen, wo es hakt. Denn noch immer bewerten viele migrantische Gründer:innen ihr Netzwerk als schlechter als das ihrer deutschen Kolleg:innen. Hier liegt Entwicklungspotenzial, das neue Chancen schafft.
Was wir von migrantischen Gründer:innen lernen können
Unternehmerisch zu denken heißt, die eigenen Ressourcen zu sehen und sie zu nutzen. Es heißt, kreativ mit Systemen umzugehen, Netzwerke zu bauen, wo noch keine sind, und Wege zu erkunden, die noch nicht so stark begangen wurden. Menschen mit Migrationsgeschichte tun das täglich und zwar oft unter erschwerten Bedingungen.
Gründer:innen mit Migrationsgeschichte sind längst Teil der wirtschaftlichen Realität . Sie sind keine Randerscheinung, sondern wichtiger Teil der Gründerszene. Sie gründen, beschäftigen, investieren. Und sie tun das oft aus der Position heraus, dass ihnen klassische Wege verschlossen waren. Wirtschaft gewinnt durch Vielfalt - und sie lernt hoffentlich dazu. Lernfähige Systeme, die sich weiterentwickeln, ermöglichen neue Geschäftsmodelle und werden dauerhaft stark und bleiben innovativ und konkurrenzfähig.