Was Reverse Mentoring wirklich bedeutet

Reverse Mentoring ist keine Methode aus dem Management-Buch, sondern eine Sache, die passiert, wenn sich zwei Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen ernsthaft begegnen. Wenn jemand Jüngeres den Mut hat, ehrlich zu sagen, was er denkt. Und jemand Älteres bereit ist, nicht gleich zu rechtfertigen, sondern zu verstehen.

Es geht nicht darum, die Machtverhältnisse umzudrehen. Die Führungskraft bleibt, wer sie ist. Aber sie nimmt für einen Moment eine andere Rolle ein. Nicht die des Ansagers, sondern die des Zuhörers. Nicht, weil sie keine Ahnung hat. Sondern weil sie weiß, dass Erfahrung einfach nicht ausreicht, wenn sich alles verändert.

Und es verändert sich gerade viel. Arbeit ist heute nicht mehr das, was sie noch vor zehn Jahren war. Junge Leute wollen wissen, wofür sie arbeiten. Sie wollen Sinn, Tempo, Freiheit. Und sie sprechen anders über Verantwortung. Was früher Respekt bedeutete, ist heute oft Distanz. Was als höflich galt, klingt heute starr. Wer das nicht hört, verliert eines Tages den Anschluss.

Woran es in vielen Unternehmen hakt

In vielen Firmen sprechen die Generationen nicht wirklich miteinander. Es gibt Strukturen, Abteilungen, Meetings – aber selten echte Gespräche. Der Chef schreibt Mails, der Nachwuchs liest sie nicht. Die Jungen denken, die da oben haben keine Ahnung von der Welt da draußen. Die Alten glauben, die da unten wissen nicht, was echte Arbeit ist. Das ist kein böser Wille. Es ist Gewohnheit. Es ist ein Alltag, der von Termindruck, Erwartungen und Routinen geprägt ist. Da bleibt wenig Platz für den Satz: „Sag mal ehrlich, wie wirkt das eigentlich auf dich?“

Genau dieser Platz muss geschaffen werden. Nicht als großes Projekt mit Fahrplan und Etappenzielen, sondern als ehrlicher Versuch, voneinander zu lernen.

Ein Beispiel, das hängen bleibt

Ich kenne einen Ausbildungsleiter in einem mittelständischen Unternehmen, der mir von einem Gespräch mit seinem neuen Azubi erhählt hat. Der junge Mann hatte sich fast nicht beworben, weil die Karrierewebseite so altbacken wirkte. Alles grau. Keine Gesichter. Nur Floskeln. Im Bewerbungsgespräch hat er das gesagt. Nicht provokant, sondern sachlich. Der Ausbilder hat es ernst genommen und den jungen Mann gebeten, das einmal aus seiner Sicht aufzuschreiben.

Drei Wochen später lag ein Konzept auf dem Tisch. Kein fertiger Plan, kein Design – aber ein echtes Stück Arbeit und eine neue Perspektive. Der Geschäftsführer hat sich das durchgelesen und gesagt: „Ich hätte das nie so gesehen. Aber er hat recht.“ Seitdem sitzt der Azubi zweimal im Monat mit dem Marketing-Team zusammen. Warum? Weil er einen Blick hat, den dort bisher keiner hatte und damit den Horizont erweitert.

Was passieren kann, wenn Chefs zuhören

Führung ist oft geprägt von der Idee, alles im Griff haben zu müssen. Das Team, die Ziele, den Markt, die eigene Wirkung. Wer da sagt: „Ich höre mir an, was jemand mit deutlich weniger Erfahrung denkt“, macht sich angreifbar. Und genau darin liegt die Stärke. Oft verstehen erfahrene Verantwortliche nicht, warum die jüngeren Kollegen so wenig Rückmeldung geben. Sie tun, was verlangt wird, aber ohne Begeisterung. Nach einigen Gesprächen auf einer Weihnachtsfeier in einer etwas gelockerten Atmosphäre kam heraus, dass seine Ansagen wie Befehle wirken. Dabei meint er es gar nicht so. Er hat einfach nie gelernt, anders zu führen.

Seit der Weihnachtsfeier verändert sich etwas. Nicht über Nacht, aber Stück für Stück. Heute fragt er öfter nach. Nicht nur, ob etwas erledigt wurde, sondern auch, wie. Und er möchte hören, was man hätte besser machen können. Die Stimmung im Team ist anders geworden. Kein Kuschelkurs, aber ehrlicher.

Was die Jungen daraus mitnehmen

Es ist nicht nur so, dass die Jüngeren die Weisheit mit Löffeln fressen. Viele von ihnen sind unsicher. Sie sehen, dass die Leute über ihnen viel Verantwortung tragen, davor haben sie Respekt. Manche trauen sich nicht, Kritik zu äußern oder denken, es bringt sowieso nichts.

Wenn sie dann erleben, dass ihre Meinung ernst genommen wird, passiert etwas. Sie stehen anders da, sind selbstbewusster, klarer und oft auch loyaler. Dies mag daran liegen, dass sie spüren, dass sie nicht einfach nur ausführende Hände sind, sondern Menschen mit Einfluss, deren MItwirken gefragt ist.

Kein Rezept, aber ein Anfang

Es braucht keine PowerPoint-Präsentation, um Reverse Mentoring zu starten. Es braucht auch keine Struktur, die gleich in einem Handbuch landet. Es reicht ein Gespräch, ein ehrlicher Satz, ein Moment, in dem jemand zuhört, ohne gleich zu erklären.

Wer als Chef oder Chefin fragt: „Wie wirkt das auf dich?“ – und die Antwort aushält – hat schon mehr verstanden als viele mit dicken Beraterverträgen. Und wer als junger Mensch den Mut hat, zu sagen, was er wirklich denkt, verändert mehr, als ihm vielleicht bewusst ist.

Vielleicht ist das alles nicht neu. Vielleicht nennt man es einfach, ganz old school, wieder beim Namen: Respekt. Neugier. Und der Wille, nicht stehen zu bleiben, nur weil man schon lange dabei ist.

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