Prof. Faltin erklärt, wie wir das konventionelle Denken abschalten können.

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Dieser Artikel erschien zuerst in der WIWO Gründer.

Von Günter Faltin

Wir tun uns schwer mit kreativen Entwürfen. Je weiter das Neue von den uns bekannten Mustern abweicht, desto schwerer fällt es unserem Gehirn, sich darauf einzulassen. Wir sind von Natur aus eher konventionell. Der Philosoph Peter Sloterdijk weist darauf hin, entwicklungsgeschichtlich wehre unser Gehirn neue Entwürfe oder ungewohnte Erfahrungen erst einmal ab. Konventionelle Sichtweisen sind wie Bretter vor dem Kopf. Sie legen Deutungen nahe und verhindern damit, dass wir die Realität, so wie sie ist, wahrnehmen.

Ritter Uto von Hardtenstein war, dem Ruf des Kaisers folgend, ausgezogen, um die Ungläubigen zu bekämpfen. Sein Weib und seinen Sohn musste er zurücklassen. Er war in die Schlacht gezogen, hatte Jerusalem gesehen und viele Jahre verbracht, bis er zurückkehren konnte. Voll freudiger Erregung, so die Chronistin, soll er seiner Burg entgegengeritten sein. Doch was sieht er? Sein Weib, sein geliebtes, in den Armen eines anderen, jüngeren Mannes. Bittere Enttäuschung, Zorn und Eifersucht überkommen ihn. So sehr, dass er in seiner Wut mit seinem Schwert nicht nur den Mann, sondern auch seine Frau durchbohrt. Die Frau, im Sterben, sagt: „Du hast Dein eigenes Kind gemordet!“

Wir nehmen die Welt durch die Linse unserer Erkennungsmuster wahr.

Es hilft, alles, was ich vorfinde, bis zum Beweis des Gegenteils als Konvention anzusehen. Also Abläufe respektlos anzusehen sowie zu fragen, ob das, was gestern noch als vernünftig erschien, nicht origineller, einfacher oder mit moderneren Mitteln bewältigt werden kann. Ich stelle also den ganzen Prozess radikal infrage, statt nach kleinen Verbesserungen zu suchen.

Das Beispiel Café

Konventionen haben die erstaunliche Angewohnheit, Funktionen fast völlig zu überdecken. Sie gehen in ein Café. Warum gehen Sie dorthin? Klar, um Kaffee zu trinken, heißt die Antwort. Ist es wirklich so klar? Schmeckt Ihnen Ihr selbst gebrauter Kaffee zu Hause nicht besser? Ist er nicht auch preiswerter als im Café? Warum nehmen Sie den Weg auf sich, wenn Sie zu Hause Kaffee trinken können? Wenn wir genauer hinsehen, merken wir, dass die Funktion, warum wir in ein Café gehen, keineswegs das Kaffeetrinken ist. Es ist eher die Konvention. Ich gehe nicht wirklich ins Café des Kaffees wegen.

Ich gehe dorthin, weil ich aus meinen vier Wänden fliehen oder andere Menschen sehen will. Der Wiener Schriftsteller Alfred Polgar hat einmal gesagt, man geht ins Caféhaus, weil man allein sein will und dazu Geselligkeit braucht. Man sieht daran, dass es nicht leicht ist, die Konvention beiseitezuschieben und die Funktion dahinter zu erkennen. Haben wir das aber erfolgreich bewältigt, stoßen wir eine Tür auf. Wenn es nicht der Kaffee ist, der das Café ausmacht, wie könnte ich dann ein Caféhaus anders betreiben.

Als Anfänger sind Sie noch nicht betriebsblind!

Schließlich kostet der Kaffee den Besucher Geld und den Besitzer viel Aufwand. Statt für den Kaffee drei Euro bezahlen zu müssen, hätten wahrscheinlich alle Beteiligten mehr davon, wenn man stattdessen einen Euro Eintritt verlangt. Der Besucher spart zwei Euro, der Besitzer ist den ganzen Aufwand los und verdient an dem einen Euro wahrscheinlich mehr als mit der Kaffeekonvention. Damit steht die Tür offen für das, was der Besucher wirklich sucht: angenehme Atmosphäre, Literatur vielleicht. Kommunikatives Personal, das, vom Kaffeebringen befreit, sein Augenmerk darauf richten kann, Menschen miteinander in Kontakt zu bringen.

Im Café zu Hause sein und als Freund wahrgenommen werden. Sie halten das für unrealistisch? Ein Kollege wies mich darauf hin, dass es so etwas in Ansätzen schon zu geben scheint. Im Café Ziferblat in Moskau bezahlt man nur noch für die Zeit, die man dort verbringt.

Bei dieser Technik des Entrepreneurial Design ist Ihre Chance gerade dann am höchsten, wenn Sie in einem Feld ein Anfänger und noch nicht betriebsblind sind. Funktion statt Konvention erfordert keine großen Vorkenntnisse, sondern lediglich Stringenz im Denken sowie eine gewisse Respektlosigkeit vor den Formen von gestern.

Dieser Artikel erschien zuerst in der WIWO Gründer.

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